News: SVP Volksbefragung als Bumerang?

Wenn man die Anzahl Klicks, die gestern auf agluegt eingegangen ist, mit den gestrigen Ereignissen in der Schweizer Medienwelt verbindet, so kommt man zum Schluss, dass man hier wohl eine Analyse zur aktuellen PR-Offensive der SVP erwartete. In den Medien wurde eigentlich alles gesagt was von Belang ist. Weiterhin wird es wohl jedem, der in seinem Leben einmal mit Statistik zu tun hatte, klar sein, dass es sich nicht um eine ernstzunehmende Erhebung handelt, als mehr um eine geschickte Selbstinszenierung unserer Volkspartei. Die Verzerrung, hervorgerufen durch den fehlerhaften Eindruck die Grundgesamtheit zu befragen, sowie durch die geschickt gestellten Suggestivfragen und die “stimmige” Umrahmung des Bogens, ist wohl jedem seriösen Statistiker ein Graus. Vom Standpunkt der SVP betrachtet, ist die Volksbefragung aber eine geschickte PR-Massnahme. Soweit also nichts Neues, denn die Herren Politologen teilen unsere Analyse. Ins Staunen versetzt allerdings die Auswertungsmethode der Umfrage. Frau Bär, welche verdutzt auf unsere Frage nach dem zuständigen Institut reagierte, meinte, dass die Auswertung der Bögen im SVP Büro in Bern vorgenommen werde. Als wir nachhakten, ob denn die Auswertung der Fragebögen nicht mit immenser Arbeit verbunden sei, meinte die Generalsekretärin und Sozialwissenschaftlerin, dass dies dank Excel kein Problem sei.
Es liegt uns fern, behaupten zu wollen, dass die Umfrage im SVP Büro manipuliert wird. Die Frage die sich aber stellt, dreht sich um die Kosten der Kampagne. Politologe Mark Balsinger rechnet im Tagi vor:
Die Kosten für den Druck und das Porto der SVP-Zeitung dürften bei mindestens 800’000 Franken liegen – wenn man von rund 3,6 Millionen Haushalten in der Schweiz ausgeht.» Keine andere Partei könne sich solche Aktionen leisten.
Wenn man bedenkt, welche mediale Aufmerksamkeit bereits generiert wurde, scheint es, als habe die SVP einmal mehr bewiesen, wie man eine erfolgreiche Kampagne gestaltet. Bei einer hohen Rücklaufquote könnte sich die Idee aber schnell als Schuss nach hinten herausstellen.
Gehen wir von einer 100% Rücklaufquote und einer durchschnittlichen Bearbeitungszeit von 30 Sekunden aus, sprechen wir von einem Arbeitsaufwand von 30000 Stunden. Ausgehend von einem Stundenlohn von 25.- Fr. würde dies bedeuten, dass die Kosten für die Auswertung weitere 7,5 Mio. Fr. verschlingen würde. Die unzähligen Abstürze von Microsoft Excel, welches hoffnungslos mit dieser Aufgabe überfordert wäre, mal ausgenommen.
Es wäre rein hypothetisch vorstellbar, dass das Parteivermögen also nicht zur Deckung der Auswertung ausreichen könnte. Natürlich wird die Rücklaufquote aber niemals 100% erreichen und Übervater Blocher wird im Notfall das Portemonnaie zücken. Fakt ist aber, dass mit jedem ausgefüllten Fragebogen die Kosten der Kampagne steigen. Ob das Kosten/Nutzen Verhältnis dann noch stimmt, wird sich weisen. Das Telefonat mit Frau Bär hat gezeigt, dass man hier ganz offensichtlich eine hohe Fehlergrenze provoziert und mit einer geringen Rücklaufquote rechnet, denn es ist nicht vorstellbar, dass das Büro in Bern bereit für die Erfassung von Millionen Fragebögen ist.
Bereits regt sich Widerstand im Netz. Der Blick beispielweise findet die Befragung einseitig und eine Facebook-Gruppe denkt über Gegenmassnahmen nach. Auch die Caritas empfindet das Vorgehen der SVP als “propagandistisch”. Einzig die Parteien wollen der Aktion nicht noch weiteren Wind in die Segel geben. So meint Wermuth, dass “heute zu jedem Mist eine Facebook-Gruppe gegründet wird.” Sind die Genossen etwa noch nicht im Web 2.0 angekommen?
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